In meiner Arbeit als Kulturjournalistin und Beobachterin von Theaterprozessen habe ich immer wieder erlebt, wie Gespräche zwischen Regisseur*innen, Schauspieler*innen und Publikum zu einer echten kreativen Ressource werden können — vorausgesetzt, man gestaltet sie bewusst. Besonders herausfordernd und gleichzeitig produktiv sind Nachgespräche oder Werkstattgespräche mit migrantischen Ensembles, bei denen sprachliche und kulturelle Differenzen nicht als Barrieren, sondern als schöpferischer Motor verstanden werden. In diesem Text teile ich praktische Methoden, erzähle von persönlichen Erfahrungen und gebe konkrete Tools an die Hand, damit solche Theatergespräche gelingen.
Warum Differenz als Ressource denken?
Zu oft werden sprachliche Unsicherheiten oder kulturelle Missverständnisse in Gesprächen schnell „weggelächelt“ oder gar pathologisiert. Ich habe dagegen erlebt, dass genau diese Momente spannende Einsichten eröffnen: Wenn ein Begriff anders verstanden wird, offenbart sich ein anderer Erfahrungshorizont. Wenn eine Geste in einer Kultur eine andere Bedeutung hat, entsteht Raum für Reflexion über Körperpolitik und Repräsentation. Für mich ist die zentrale Haltung deshalb: Neugier statt Korrektur.
Vor dem Gespräch: Rahmen schaffen
Ein gelungenes Theatergespräch beginnt lange vor dem ersten Wort. Diese organisatorischen Entscheidungen bestimmen maßgeblich, ob Differenzen produktiv werden können:
- Ort und Zeit wählen: Kleine, vertraute Räume fördern Offenheit. Ein lautes Foyer mag die Hemmschwelle erhöhen. Ich buche gern einen ruhigen Probensaal oder einen Café-Raum im Theaterhaus.
- Moderation klar benennen: Wer moderiert? Gibt es eine*n Übersetzer*in? Ich informiere die Teilnehmenden im Vorfeld über Ablauf und Rolle der Moderation.
- Sprachliche Unterstützung anbieten: Indem ich in Einladungen auf Übersetzungsangebote (z. B. Simultanübersetzung, schriftliche Zusammenfassungen, Nutzung von Tools wie DeepL/Google Translate) hinweise, signalisiere ich Inklusivität.
- Zugänglichkeit beachten: Sind Mikrofone, Kopfhörer, barrierefreie Wege vorhanden? Das sind keine Luxusfragen, sondern Grundvoraussetzungen für Teilhabe.
Während des Gesprächs: Methoden, die funktionieren
Ich arbeite mit einem Repertoire an Methoden, die ich je nach Gruppe kombiniere. Wichtig ist mir, dass sich alle gehört fühlen und dass Missverständnisse als Forschungsfragen behandelt werden.
- Start mit einer einfachen Warm-up-Runde: Keine inhaltsschwere Frage, sondern eine persönliche Anekdote – z. B. „Nenne ein Geräusch, das dich an Zuhause erinnert.“ So entspannt sich die Gruppe und Sprache wird pragmatisch genutzt.
- Sprachwechsel bewusst einsetzen: Wenn ein Akteur eine Aussage auf der Herkunftssprache macht, danke ich und frage nach einer kurzen Paraphrase auf Deutsch. Das gibt Respekt vor der Originalsprache und lädt zur gemeinschaftlichen Übersetzung ein.
- Paraphrasieren als Moderationswerkzeug: Ich fasse oft in eigenen Worten zusammen und frage: „Habe ich das richtig verstanden?“ Dadurch werden Missverständnisse sichtbar und können produktiv ausgehandelt werden.
- Visuelle Notizen: Flipchart oder ein Whiteboard helfen. Begriffe, die verschiedene Bedeutungen haben, notiere ich in Spalten — so entsteht eine kleine Kulturkarte im Raum.
- Rollenwechsel-Übungen: Ich habe gute Erfahrungen damit, dass ein*e Schauspieler*in die Position einer Zuschauerin einnimmt und umgekehrt. Das erzeugt Empathie für unterschiedliche Perspektiven.
- Stille aushalten: Pausen sind keine fehlende Moderation, sondern Raum für Übersetzung, Reflexion und emotionale Verarbeitung. Ich signalisiere das aktiv („Wir nehmen jetzt eine Minute Stille zum Nachdenken“).
Umgang mit sensiblen Themen
Themen wie Flucht, Traumata oder Diskriminierung verlangen besondere Sorgfalt. Meine Prinzipien sind: Transparenz, Wahlmöglichkeiten und Care. Konkret bedeutet das:
- Vorab informieren, welche Themen angesprochen werden könnten und Teilnehmenden die Möglichkeit geben, sich zu schonen oder auszusteigen.
- Wenn Emotionen hochkochen, biete ich kurze Pausen an und frage, ob professionelle Nachbetreuung gewünscht wird (z. B. Theaterpädagog*innen oder psychosoziale Beratungsstellen vor Ort).
- Kein Zwang zur Zeugenschaft: Ich betone, dass persönliche Geschichten geteilt werden dürfen, aber nicht müssen. Die Grenze zwischen künstlerischer Arbeit und Privatleben ist zu respektieren.
Technische Hilfsmittel sinnvoll nutzen
Technik kann Brücken schlagen — vorausgesetzt, sie wird klug eingesetzt:
- Übersetzungs-Apps: DeepL oder Google Translate sind hilfreich für spontane Verständigung, ersetzen aber keine menschliche Übersetzung bei Nuancen. Ich nutze sie für Notizen oder zur Vorübersetzung von Zitaten.
- Hybrid-Tools: Bei digitalen Gesprächen leisten Zoom oder Microsoft Teams in Kombination mit Live-Untertiteln gute Dienste. Ich teste die Technik vorab mit den Beteiligten.
- Recording mit Einverständnis: Aufzeichnungen ermöglichen Folgeüberlegungen, sollten aber nur mit klarer Einwilligung gemacht werden und transparent kommuniziert werden, wie das Material verwendet wird.
Sprachliche Gerechtigkeit fördern
Es geht nicht nur um Übersetzen, sondern um Anerkennung: Die Sprachen der Performer*innen verdienen Sichtbarkeit. Praktische Schritte:
- Programmheft bilingual gestalten — nicht nur deutsch, sondern auch die Herkunftssprachen, zumindest in Auszügen.
- Pressetexte und Social-Media-Posts in mehreren Sprachen veröffentlichen.
- Texteinblendungen im Stück (Projektionen, Übertitel) nutzen, um Publikumssensibilität zu erhöhen.
Nach dem Gespräch: Nachhaltigkeit sichern
Ein gutes Gespräch wirkt nach — wenn man es nicht bei einem einmaligen Event belässt. Ich setze auf folgende Formate:
- Dokumentation: Kurze Zusammenfassungen (auf Deutsch und in den relevanten Herkunftssprachen) per Newsletter oder Blogpost veröffentlichen. Auf Generation Konji habe ich damit schon Gespräche einer zweiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
- Follow-up-Workshops: Vertiefende Formate, in denen Übersetzung als künstlerisches Mittel erprobt wird (z. B. performative Übersetzungsworkshops).
- Netzwerkbildung: Ich vernetze Ensembles mit Theaterpädagog*innen, Übersetzer*innen und Kulturinstitutionen, damit nicht jede Gruppe alle Strukturen neu erfinden muss.
Ein persönliches Beispiel
Ein Gespräch, das mir besonders im Gedächtnis blieb, war mit einem Ensemble, dessen Mitglieder aus fünf verschiedenen Ländern stammten. Zu Beginn gab es viele sprachliche Sprünge und Abschweifungen. Ich schlug vor, die unübersetzten Wörter an eine Wand zu pinnen. Nach und nach entstand eine bunte Wortkarte — mit Bedeutungen, Gefühlen und kleinen Anekdoten versehen. Das Gespräch veränderte sich: Aus einem Dilemma wurde eine Recherchearbeit. Die Schauspieler*innen begannen, Begriffe im Stück als mehrsprachige Klangfelder zu denken — eine ästhetische Entscheidung, die ohne diesen moderierten Raum wahrscheinlich nicht entstanden wäre.
Checkliste für Moderierende
| Vor dem Gespräch | Während | Nachher |
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Wenn wir Theatergespräche mit migrantischen Ensembles als forschende, übersetzende Praxis verstehen, eröffnen sich neue poetische und politische Möglichkeiten. Sprache wird dann nicht mehr nur als Hindernis, sondern als Material und Bühne begriffen — ein Modell, das die ästhetische Arbeit selbst bereichert.