Als Kulturjournalistin und begeisterte Plattensammlerin habe ich immer wieder erlebt, wie schnell lokale Labels aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden – und wie lebendig ihre Archive werden können, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Die Herausforderung besteht darin, vergessene Labels zu entdecken und wiederzubeleben, ohne in sentimentale, nostalgische Sammlungen zu verfallen, die lediglich das Schwelgen in der Vergangenheit sind. Es geht mir deshalb nicht um romantische Verklärung, sondern um eine verantwortungsvolle Wiederaneignung: historische Einordnung, Zugänglichmachen und kreative Weiterverwendung.

Warum lokale Labels wichtig sind

Lokale Labels sind oft mehr als nur kleine Firmen, die Tonträger produzieren. Sie sind Zeitzeugen: Netzwerke von Musiker*innen, Produzent*innen, Designer*innen und unabhängigem Vertrieb, die lokale Szenen geprägt und Kanäle eröffnet haben. Ihre Veröffentlichungen dokumentieren Klangexperiment, soziale Realitäten und ästhetische Entscheidungen. Für mich ist das Erforschen dieser Labels wie Archäologie – nur dass die Schätze oft in Heimbibliotheken, Plattenläden oder auf Flohmärkten liegen.

Wie finde ich vergessene Labels?

  • Plattenläden und Flohmärkte: Die Besitzerinnen kleiner Plattenläden haben oft eine unerschöpfliche Kenntnis lokaler Veröffentlichungen. Ein Abend mit dem Inhaber, eine Tasse Kaffee und gezielte Fragen liefern öfter mehr als Online-Suchen.
  • Szenelokale und Crew-Mitglieder: Ich spreche Menschen an, die in Clubs, Proberäumen oder bei Festivals aktiv waren. Oft führen persönliche Erinnerungen zu Labelnamen, Flyern oder Kontakten.
  • Archive und Bibliotheken: Stadtarchive oder Universitätsbibliotheken sammeln oft Fanzines, Konzertplakate und manchmal auch Kassetten/LPs. Der Zugang ist nicht immer digital, aber äußerst ergiebig.
  • Soziale Medien und Foren: Facebook-Gruppen für Sammler, Discogs-Listings oder Reddit-Threads sind nützlich, um Discografien zu vervollständigen oder Besitzer*innen zu finden.
  • Copyright- und Verlagsdatenbanken: Recherchen bei GEMA, BMI oder nationalen Verlagsregistern liefern oft Offizielleinträge und Ansprechpartner.

Bewertung statt Verklärung: Welche Releases lohnen die Wiederentdeckung?

Es ist mir wichtig, mit kritischem Blick vorzugehen: Nicht jede obscure Veröffentlichung verdient eine Neuauflage. Bei meiner Auswahl achte ich auf mehrere Kriterien:

  • Musikalische Originalität: Gab es einen künstlerischen Ansatz, der eigenständig wirkte?
  • Historische Relevanz: Dokumentiert das Release eine Szene, ein soziales Phänomen oder eine technologische Entwicklung?
  • Qualität der Aufnahmen: Lässt sich das Material technisch retten oder verbessern?
  • Rechtliche Lage: Sind Urheberrechte geklärt oder sprechen Erben/Urheber*innen einer Wiederveröffentlichung zu?
  • Community-Interesse: Gibt es eine Zielgruppe – sei es lokal oder international –, die für eine Reissue empfänglich wäre?

Praktische Schritte zur Wiederbelebung

Wenn ich ein Label oder Release als relevant erachte, folge ich einer pragmatischen Checkliste:

  • Kontaktaufnahme mit Urheber*innen oder deren Erb*innen. Transparenz und faire Bedingungen sind für mich nicht verhandelbar.
  • Digitale Archivierung in hoher Qualität (24-bit WAV, wenn möglich). Ich habe gute Erfahrungen mit lokalen Tonstudios und Ingenieur*innen gemacht, die bereit sind, analoges Material zu transferieren.
  • Metadaten sammeln: Line-up, Aufnahmedatum, Studio, Credits – das macht spätere Kontexttexte und Katalogisierung möglich. Ohne diese Informationen verliert die Veröffentlichung an Aussagekraft.
  • Kollaboration mit lokalen Akteur*innen: Labels, Musiker*innen, Grafiker*innen und Kulturinstitutionen einbinden. Das verhindert Externalisierung und stärkt die regionale Szene.
  • Rechteklärung und faire Lizenzverträge aushandeln. Ich empfehle, Autorenanteile offen zu legen und zeitlich befristete Reissues mit transparenten Tantiemen zu planen.

Formate und Präsentationsformen, die vermeiden, bloß nostalgia zu bedienen

Für mich ist der Unterschied zwischen Nostalgie und legitimer Erinnerung oft die Art der Präsentation. Folgende Formate haben sich als sinnvoll erwiesen:

  • Kontextualisierte Reissues mit ausführlichem Booklet: Essays, Interviews, Fotos und Scan von Flyern geben historischen Kontext und erklären, warum die Musik heute noch relevant ist.
  • Curated Compilations, die nicht nur Raritäten stapeln, sondern Narrative erstellen: etwa eine Compilation mit fiktiver Stadtchronik oder thematischen Schwerpunkten.
  • Hybrid-Veröffentlichungen: Vinyl für Collector*innen, aber auch Streaming- und Download-Optionen für Reichweite. Ich nutze oft Bandcamp, weil die Plattform unabhängigen Labels faire Bedingungen bietet.
  • Live-Events und Ausstellungen: Pop-up-Ausstellungen, Listening Parties oder Panelgespräche – im besten Fall in Zusammenarbeit mit Bibliotheken oder Kunstvereinen.

Finanzierung und Sichtbarkeit

Die ökonomische Seite ist eine Hürde. Aus eigener Erfahrung funktionieren mehrere Hebel gemeinsam:

  • Fördermittel: Kulturstiftungen, lokale Kulturämter und Fonds für Medienkultur finanzieren oft Recherchen, Restaurierungen und Publikationen.
  • Crowdfunding: Auf Plattformen wie Startnext oder Kickstarter lassen sich Reissues mit Vorbestellungen finanzieren. Das schafft zugleich Community-Bindung.
  • Kooperationen mit Hochschulen, Soundarchiven oder Radiostationen (z. B. lokale Sender, Arte Radio), die zusätzlichen Zugang zu Expertise und Publikum bieten.
  • PR und digitale Strategie: Gut aufbereitete Presse-Pakete, Social-Media-Storytelling und digitales Storytelling (z. B. kurze Doku-Videos) erhöhen die Sichtbarkeit und verhindern, dass das Projekt allein Sammler*innen anspricht.

Ethik: Wem gehört das Material?

Das ist ein Thema, das mich oft beschäftigt. Ich vermeide Pioniergeist, der Dinge ›rettet‹, ohne lokale Akteur*innen zu fragen. Wichtig sind für mich:

  • Respekt vor den Urheber*innen und ihren Nachfahren
  • faire Vergütung und transparente Lizenzvereinbarungen
  • Anteilige Einbindung der Community in Entscheidungsprozesse
  • keine Instrumentalisierung für kommerzielle Zwecke ohne Gegenleistung

Beispiele aus der Praxis

In einem kleineren Projekt in Nordrhein-Westfalen habe ich einst zusammen mit einem Team ein lokales DIY-Label aus den 80ern neu dokumentiert: Wir führten Interviews mit ehemaligen Bandmitgliedern, digitalisierten Kassettenbänder und organisierten eine Listeningsession im Stadtmuseum. Durch Kooperation mit einer regionalen Kulturstiftung konnten wir eine limitierte Vinyl-Edition finanzieren und gleichzeitig eine Online-Ausstellung auf generation-konji.de veröffentlichen, die den Kontext erklärte. Wichtig war, dass alle Erträge anteilig an die Künstler*innen gingen und dass die Ausstellung die lokalen politischen Hintergründe beleuchtete – nicht nur musikalisch, sondern auch sozialhistorisch.

Ein anderes Mal hat ein Berliner Label mit einer kleinen Kassette-Serie lokale Post-Punk-Splits wieder zugänglich gemacht, aber ergänzte jede Veröffentlichung mit Essays etablierter Musikhistorikerinnen. Das machte aus einer Raritätenjagd eine wissenschaftlich fundierte Neuentdeckung und erzeugte zugleich neue Hörer*innen.

Wie können Leser*innen mitmachen?

Als Leserin oder Leser von Generation Konji können Sie viel beitragen: Teilen Sie Fundstücke aus Ihrem Plattenregal, dokumentieren Sie Flyer oder Fotos, unterstützen Sie Crowdfunding-Kampagnen oder kommen Sie zu Listening-Events. Lokale Unterstützung ist oft entscheidend: ein Plattenladen, der eine Reissue ins Regal stellt, oder ein Kulturverein, der Räume für Ausstellungen bietet, sind Gold wert.

Die Wiederbelebung vergessener Labels ist kein nostalgisches Hobby, wenn sie kritisch, gerecht und kreativ angegangen wird. Für mich bedeutet sie, Klanggeschichte sichtbar zu machen und sie produktiv mit der Gegenwart zu verknüpfen – so dass alte Aufnahmen nicht mumifizieren, sondern weiterwirken.