Ich erinnere mich noch gut an das Kribbeln, das ich hatte, als ich eine Band entdeckte, bevor Instagram sie überall zeigte und Spotify sie in hundert Playlists verschwimmen ließ. Dieses Gefühl — etwas Eigenes gefunden zu haben — lässt sich kultivieren. Ich schreibe hier, wie ich persönlich vorgehe, um neue Indie-Bands zu finden, bevor der Algorithmus sie mir serviert. Die Tipps sind pragmatisch, ausprobiert und oft mit kleinen Ritualen verbunden, die die Suche selbst zum Vergnügen machen.

Meine tägliche Routine: bewusstes Hören statt algorithmischer Bequemlichkeit

Ich versuche, den Tag mit einem aktiven Musikritual zu beginnen: kein Autoplay, kein Shuffle der "For You"-Liste. Stattdessen öffne ich Bandcamp, SoundCloud oder meine abonnierten Blogs und höre Stücke gezielt an. Das zwingt mich, Songs wirklich wahrzunehmen. Oft sind es nur 2–3 Tracks, aber dafür mit Fokus.

Praktische Tools, die ich nutze:

  • Bandcamp — für Releases, Demos und kuratierte Tags wie "indie", "dreampop", "lo-fi".
  • SoundCloud — ideal für frühe Demos und Remixe, oft direkt von den Artists hochgeladen.
  • Last.fm — zum Stöbern in User-Profilen und Scrobbles: wer hört ähnliche Bands?

Bandcamp: das Herz der unabhängigen Szene

Bandcamp ist für mich erste Anlaufstelle. Ich folge Labels, die eine gute Nase haben (z. B. Jagjaguwar, 4AD, aber auch kleinere, sehr spezialisierte Labels). Die Tag-Funktion ist Gold wert: ein Klick auf "indie pop" oder "bedroom pop" offenbart Hunderte von Releases, viele davon lo-fi-Perlen, die nie auf Spotify landen.

Mein Vorgehen:

  • Ich klicke auf "Discover" und filtere nach New Albums / New Tracks.
  • Ich kaufe regelmäßig einen Track oder ein Tape — das hält die Szene am Leben und macht mich empfänglicher für weitere Entdeckungen.
  • Bandcamp-Friday ist ein Pflichttermin: viele Künstler veröffentlichen da besondere Singles oder EPs.

Lokale Szene und Venues: live hören

Nichts ersetzt das Live-Erlebnis. Ich schaue regelmäßig in die Konzerttexte lokaler Clubs, besuche Off-Venues und kleine Festivals. Dort entdecke ich Bands, bevor sie online viral gehen. Ich habe viele Lieblingsentdeckungen gemacht, weil ich auf ein Poster am Kiosk oder eine Empfehlung in einem Plattenladen reagiert habe.

Konkrete Tipps:

  • Abonniere Newsletter von kleinen Clubs und Kulturzentren.
  • Frag beim nächsten Konzert den DJ oder das Support-Act-Team nach Geheimtipps.
  • Besuch Open-Mic-Nights oder Label-Abende — die Protagonisten tauschen sich aus und neue Namen zirkulieren.

Plattenläden, Zines und handverlesene Playlists

Plattenläden sind wie Bibliotheken für Musik. Ich rede mit den Verkäufer*innen, lasse mir Empfehlungen geben und blättere in Zines. Analoge Orte haben oft eine kuratierte Auswahl, die algorithmische Logiken nicht widerspiegelt.

Was ich mache:

  • Ich frage nach "Recent arrivals" oder "Local releases".
  • Ich nehme Zines oder Flyer mit — kleine Redaktionen verlinken oft Bands, die noch nicht online groß sind.
  • Ich folge kuratierten Playlists von Bloggern und Radiosendern (z. B. NTS Radio, KEXP Sessions), nicht nur den Plattform-Algorithmen.

Radio, Shows und Podcasts: kuratierter Input

Radio bleibt ein Geheimtipp. Sender wie KEXP, NTS oder lokale freien Radios spielen oft unverbrauchte Acts. Podcasts mit Schwerpunkt auf Entdeckungen sind ebenfalls effektiv — Moderator*innen interviewen Newcomer direkt und geben Kontext.

Konkrete Quellen, die ich regelmäßig nutze:

  • KEXP Sessions — Liveperformances, oft von noch unbekannteren Bands.
  • NPR Music / All Songs Considered — gute Mischung aus etablierten und neuen Acts.
  • Regionale freie Radios und Kulturpodcasts — oft die ersten, die neue lokale Acts spielen.

Soziale Netzwerke: die richtigen Kanäle und Tricks

Social Media ist zweischneidig: der Algorithmus kann Neuheiten verschlingen, aber gezielt genutzt, ist es ein Werkzeug. Ich folge: kleinen Labels, College-Radios, Konzertfotograf*innen und Produzent*innen. Diese teilen oft Demos und Live-Clips, bevor ein Track auf Spotify landet.

Praktische Tricks:

  • Folge Hashtags wie #newmusic, #indieband, #bedroompop, aber nicht nur auf Instagram — auch auf TikTok und Twitter.
  • Nutze Twitter-Listen oder Instagram-Collections, um Entdeckungen zu speichern und später in Ruhe anzuhören.
  • Auf TikTok lohnt sich der Blick auf Creator, die bewusst kuratieren — aber immer kritisch bleiben.

Direktkontakte: Newsletter, Mailinglisten und Discord

Viele Bands und Labels haben eigene Newsletter — und sie sind oft die erste Quelle für Demos, Tourdaten oder Free-Downloads. Ich abonniere bewusst wenige, aber sehr sorgfältig ausgewählte Listen, damit mein Posteingang nicht versinkt.

Weitere Wege:

  • Discord-Server von Labels oder Musik-Communities — dort teilen Leute Tracks und veranstalten listening sessions.
  • Reddit-Communities (r/indieheads, r/bedroompop) — gute Cue-Pools, aber mit Vorsicht: viel Rauschen.
  • Mailinglists von kleinen Festivals — sie kündigen oft frühe Lineups an.

Technische Helfer: Shazam, SoundHound und Reverse-Engineering

Manchmal hört man einen Song in einem Café oder auf einem Flyer-Video und kennt den Namen nicht. Shazam oder SoundHound sind dann meine Retter. Wenn der Track neu ist und nicht erkannt wird, suche ich nach Produzenten- oder Location-Tags im Video oder frage im Kommentarbereich nach.

Ein zusätzlicher Tipp: Last.fm-Profile und Discogs-Recherchen helfen, Labels und Produzenten zu finden. Wenn du weißt, bei welchem Label ein Sound erscheint, kannst du dessen Backkatalog durchforsten.

Netzwerken: Künstlerinnen und Künstlern folgen und unterstützen

Ich schreibe gelegentlich junge Bands an, besonders nach Konzerten. Die meisten sind dankbar für Interesse und schicken Demos oder Links zu unveröffentlichtem Material. Als Journalistin kenne ich auch viele lokale Promoter, die einen guten Riecher haben — ein kurzer Austausch lohnt sich.

Unterstützung heißt für mich nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch finanziell: einen Track kaufen, auf Bandcamp spenden, Tickets kaufen. Das motiviert Artists, weiterhin unabhängig zu bleiben und Neues zu veröffentlichen.

Wie ich neue Entdeckungen dokumentiere

Ich führe eine simple Liste in Notion und speichere dort: Bandname, Link, Fundort, warum mir die Band auffiel. So entsteht über Monate ein Fundus, aus dem ich Playlists und Artikel kuratiere. Ich teile diese Listen auch gelegentlich im Newsletter von Generation Konji — das ist ein Weg, die Entdeckungskette geschlossen weiterzugeben.

Meine wichtigste Regel: Geduld. Nicht jeder Track muss sofort ein Hit sein. Manchmal braucht ein Song mehrere Hördurchläufe, um sich zu entfalten. Die echte Freude liegt im Prozess: im Entdecken, Nachforschen und schließlich Teilen.