Warum mir dieses Thema wichtig ist
Wenn ich über Theaterveranstaltungen nachdenke, stelle ich mir oft vor, wie Räume entstehen, in denen unterschiedliche Stimmen nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen werden. Besonders bei migrantischen Ensembles sehe ich häufig, dass Diskussionen hinterherlaufen statt vorauszudenken: Ensembles werden eingeladen, um zu sprechen, aber die Rahmenbedingungen erlauben selten wirkliche Gleichberechtigung. Deshalb schreibe ich hier aus der Perspektive einer Praktikerin, die moderiert, kuratiert und mit vielen Künstler*innen und Kollektiven zusammengearbeitet hat. Mein Ziel ist es, konkrete, umsetzbare Schritte zu geben, damit eine Theaterrunde wirklich inklusiv und fair wird.
Die Einladung: Auswahl und Kommunikation
Gleichberechtigte Gespräche beginnen bei der Auswahl der Teilnehmer*innen und bei der Art, wie man sie einlädt. Ich frage mich vor jeder Einladung: Repräsentiert dieses Panel mehrere Perspektiven innerhalb migrantischer Communities (Generationen, Gender, künstlerische Disziplinen)? Wer fehlt, weil er oder sie nicht auf meinem Radar ist?
- Nutze persönliche Bezüge: Anonyme Open Calls sind wichtig, aber persönliche Ansprache erhöht die Chance, dass marginalisierte Kolleg*innen teilnehmen.
- Sei transparent über Zweck und Rahmen: Erkläre, welches Ziel die Runde hat, wie lange jede Stimme sprechen kann, welche Themen prioritär sind und wie Ergebnisse verwendet werden.
- Biete Wahlmöglichkeiten: Einige Künstler*innen bevorzugen ein Panel, andere ein moderiertes Gespräch oder eine Workshopeinheit — frage nach Präferenzen.
Honorare und Anerkennung
Ich bestehe darauf, dass Redebeiträge, Moderation und Vorbereitung bezahlt werden. Das ist keine Nettigkeit, sondern eine Frage der Anerkennung und Gerechtigkeit. Wenn ich Veranstalter*innen bestimme, budgetiere ich von Anfang an für:
- Gagen für Künstler*innen und Moderator*innen;
- Reisekosten und Kinderbetreuung, falls nötig;
- Dolmetscher*innen oder Gebärdensprachdolmetscher*innen.
Praktisch arbeite ich oft mit Standards wie den lokalen Tarifempfehlungen oder mit transparenten Pauschalen, die auf der Veranstaltungspwebsite kommuniziert werden — z. B. über Eventbrite oder die eigene Seite.
Moderation: Rolle und Haltung
Die Moderation entscheidet oft über Gleichberechtigung im Gespräch. Meine Grundregeln sind einfach:
- Vorbereitung statt Kontrolle: Ich bereite Fragen vor, teile sie vorab mit den Teilnehmenden und vergewissere mich, dass alle Themen als relevant anerkannt werden.
- Aktives Zugestehen von Redezeit: Ich achte auf Redeverteilung — nicht durch nochmaliges Unterbrechen, sondern durch freundliches Einladen leiserer Stimmen.
- Konflikte moderieren, nicht entscheiden: Wenn Machtungleichheiten sichtbar werden, benenne ich die Situation und schlage konkrete Schritte vor, statt eine finale Bewertung zu geben.
Sprachliche Zugänglichkeit
Sprache ist Macht. Ich ermutige Veranstalter*innen, die Mehrsprachigkeit der Teilnehmenden nicht zu einer Hürde, sondern zu einem Vorteil zu machen. Praktische Maßnahmen:
- Dolmetschen organisieren (simultan oder konsekutiv) — Budget dafür planen.
- Verwenden von Übersetzungs-Tools (z. B. DeepL) zur Vorbereitung von Biografien und Programminfos — aber niemals als Ersatz für menschliche Dolmetscher*innen im Live-Gespräch.
- Ermöglichen, dass Beiträge auf der Muttersprache gehalten werden können, mit Kurzzusammenfassungen in der Hauptsprache.
Raumgestaltung und technische Ausstattung
Der physische oder digitale Raum beeinflusst, wer sich traut zu sprechen. In Präsenzräumen achte ich auf folgende Dinge:
- Sitzanordnung: Kreis oder halboffene Konstellation fördert Gleichwertigkeit gegenüber einem Podium mit Publikum davor.
- Barrierefreiheit: Rampen, zugängliche Toiletten, deutliche Beschilderung und stille Räume.
- Technik: Gute Mikrofone, Headsets für Dolmetscher*innen, stabile Internetverbindung für hybride Teilnehmer*innen (Zoom oder Hopin).
Bei digitalen Formaten ist es wichtig, Funktionen wie Breakout-Räume, Chat-Moderation und Untertitel zu nutzen. Ich verlinke vorab kurze Tutorials für Teilnehmende, die technisch unsicher sind.
Moderationsregeln für eine respektvolle Gesprächskultur
Ich stelle zu Beginn jeder Runde verbindliche Regeln vor — nicht als Zensur, sondern als Schutzrahmen. Beispiele:
- Keine persönlichen Attacken; Kritik bleibt sachlich.
- Redelimit und Handzeichen/Chat für Wortmeldungen.
- Wenn Trigger-Themen angesprochen werden können, kündige das an und biete Rückzugsmöglichkeiten.
Follow-up und Wirkung: Mehr als ein Abend
Für mich endet gute Kuratierung nicht nach 90 Minuten. Ich plane Nachbereitung ein:
- Ergebnisse (Kurzzusammenfassungen, Video-Clips) öffentlich zugänglich machen.
- Feedback einholen — anonym möglich — und offen kommunizieren, welche Änderungen es beim nächsten Mal geben wird.
- Netzwerkpflege: Kontakte aktiv vermitteln, etwa zwischen Ensembles und Spielstätten oder Förderprogrammen.
Eine praktische Checkliste
| Vor der Veranstaltung |
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| Während der Veranstaltung |
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| Nach der Veranstaltung |
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Beispiele aus der Praxis
Ich erinnere mich an eine Runde, in der ein Ensemble aus Syrien und ein Ensemble mit türkischen Wurzeln eingeladen waren. Anstatt sie in ein gemeinsames Panel zu quetschen, schlug ich zwei kurze Einzelporträts vor, gefolgt von einer moderierten Gesprächsrunde mit gleichen Redezeiten und einem externen Konfliktcoach, der als Mediator bereitstand. Diese Struktur nahm den Druck aus dem direkten Vergleich und erlaubte einen tieferen Austausch. Die Rückmeldung war: Die Teilnehmenden fühlten sich respektierter und das Publikum verstand die Unterschiede und Überschneidungen besser.
Was ich mir von Veranstalter*innen wünsche
Kurz gesagt: Mut zur Struktur. Mut, Geld bereitzustellen, Zeit zu geben und Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass migrantische Ensembles nicht nur als „Exoten“ auftreten, sondern als gleichwertige Gesprächspartner*innen. Wenn wir das beherzigen, können Theaterrunden zu Orten werden, in denen Kunst und Gesellschaft wirklich miteinander reden.