Ich erinnere mich an mein erstes großes Dokumentarfilmfestival, an die Aufbruchsstimmung im Foyer, an die endlosen Programmkataloge und die Versprechen auf Veränderung, die zwischen Premierenankündigungen und Sponsorlogos aufblitzten. In den Jahren danach habe ich gelernt, dass gute Absichten allein nicht ausreichen. Wirkliche Vielfalt braucht Strukturen, Ressourcen und Zeit – und sie zeigt sich nicht nur an PR-Texten. In diesem Text versuche ich, pragmatische Kriterien zu liefern, mit denen man echte Diversity‑Strategien von kosmetischen Maßnahmen unterscheiden kann.
Woran man anfangen kann zu zweifeln
Oft sind es kleine Hinweise, die Alarmglocken läuten lassen. Ein Festival, das in der Pressemitteilung großspurig "mehr Vielfalt" ankündigt, aber im Programmjahr kaum Regisseurinnen oder Filmemacher*innen aus marginalisierten Gruppen zeigt, ist ein roter Flaggen. Ebenso fragwürdig wirkt, wenn Diversity nur in Paneldiskussionen auftaucht, ohne dass das Festival seine eigene Struktur verändert.
Ich habe beobachtet, dass Greenwashing meist diese Merkmale hat:
Konkrete Indikatoren für echte Diversity‑Strategien
Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Maßnahmen nachvollziehbar, finanziert und messbar sind. Hier einige Indikatoren, auf die ich persönlich achte:
Fragen, die ich den Festivalbetreibern stelle
Wenn ich hinter die Kulissen schauen will, frage ich nicht nur "Was macht ihr?", sondern konkretisiere:
Beispiele guter Praktiken (die ich gesehen habe)
Einige Festivals, international wie lokal, haben Ansätze entwickelt, die ich für wirklich wirkungsvoll halte:
Ein praktisches Bewertungs‑Checklist für Festivalbesucher*innen
Wenn ich mich auf ein Festival vorbereite oder vor Ort Eindrücke sammle, benutze ich folgende Checkliste:
Gegen Tokenismus: worauf man achten sollte
Tokenismus ist eine der heimtückischsten Formen des Greenwashings: Ein Festival lädt eine einzelne Person aus einer marginalisierten Gruppe ein und stellt dies als Beweis für Inklusion dar. Das ist nicht nur unglaubwürdig, es ist auch schädlich, weil es den Anschein erweckt, strukturelle Probleme seien gelöst.
Ich achte deshalb auf diese konkreten Signale gegen Tokenismus:
Ein kleiner Vergleich: Echtes Engagement vs. Greenwashing
| Merkmal | Echtes Engagement | Greenwashing |
|---|---|---|
| Budget | Konkrete Mittel für Förderprogramme, Honorare, Reisestipendien | PR‑Budget für Kommunikationskampagnen ohne strukturelle Finanzierung |
| Transparenz | Jährliche Reports, messbare Ziele | Vage Versprechen, keine Zahlen |
| Partizipation | Betroffene in Entscheidungsgremien | Einmalige Panels mit externen Expert*innen |
| Dauer | Langfristige Programme über mehrere Jahre | Einmalige Aktionen zu PR‑Zwecken |
Was Zuschauer*innen und Filmschaffende tun können
Transparenz herzustellen gelingt am besten, wenn viele nachfragen. Ich ermutige Zuschauer*innen, Filmschaffende und Journalist*innen, öffentlich konkrete Fragen zu stellen, sich in Netzwerken zu organisieren und Festivals öffentlich an ihre Versprechen zu erinnern. Petitionen, offene Briefe oder die Forderung nach einem jährlichen Diversity‑Report können Druck erzeugen.
Als Journalistin achte ich darauf, nicht nur anzuklagen, sondern Beispiele zu loben, die Verantwortung übernehmen. Denn Veränderung braucht Sichtbarkeit – sowohl für positive Modelle als auch für problematische Praktiken. Nur so können wir Festivallandschaften formen, die ihrer Aufgabe gerecht werden: Geschichten breit und fair zu erzählen.