Ich erinnere mich an mein erstes großes Dokumentarfilmfestival, an die Aufbruchsstimmung im Foyer, an die endlosen Programmkataloge und die Versprechen auf Veränderung, die zwischen Premierenankündigungen und Sponsorlogos aufblitzten. In den Jahren danach habe ich gelernt, dass gute Absichten allein nicht ausreichen. Wirkliche Vielfalt braucht Strukturen, Ressourcen und Zeit – und sie zeigt sich nicht nur an PR-Texten. In diesem Text versuche ich, pragmatische Kriterien zu liefern, mit denen man echte Diversity‑Strategien von kosmetischen Maßnahmen unterscheiden kann.

Woran man anfangen kann zu zweifeln

Oft sind es kleine Hinweise, die Alarmglocken läuten lassen. Ein Festival, das in der Pressemitteilung großspurig "mehr Vielfalt" ankündigt, aber im Programmjahr kaum Regisseurinnen oder Filmemacher*innen aus marginalisierten Gruppen zeigt, ist ein roter Flaggen. Ebenso fragwürdig wirkt, wenn Diversity nur in Paneldiskussionen auftaucht, ohne dass das Festival seine eigene Struktur verändert.

Ich habe beobachtet, dass Greenwashing meist diese Merkmale hat:

  • Starke Kommunikation nach außen, aber wenig Transparenz in Zahlen oder Budget
  • Einmalige Initiativen statt langfristiger Programme
  • Tokenistische Besetzung von Jurys oder Panels (eine Person als "Beleg")
  • Fehlende Honorierung – Engagement wird oft ehrenamtlich erwartet
  • Konkrete Indikatoren für echte Diversity‑Strategien

    Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Maßnahmen nachvollziehbar, finanziert und messbar sind. Hier einige Indikatoren, auf die ich persönlich achte:

  • Transparente Zielsetzung und Berichterstattung: Ein Festival, das Zahlen veröffentlicht (z. B. Anteil von Regisseurinnen, BIPoC, LGBTQIA+-Schaffenden, barrierefreie Vorstellungen) und jährlich über Fortschritte berichtet, zeigt Verantwortungsbewusstsein.
  • Gelebte Diversität in der Leitung: Vielfalt im Team und in Führungspositionen ist kein Luxus, sondern Voraussetzung. Festivals, deren Kurator*innen, Programmleiter*innen und Entscheider*innen homogen sind, können schwerlich transformative Entscheidungen treffen.
  • Finanzielle Ressourcen: Werden Stipendien, Reisekosten, Honorare und Produktionsbudgets für marginalisierte Gruppen bereitgestellt? Wenn nur kostenlose "Pitching‑Slots" angeboten werden, ist das kein echter Ausgleich für strukturelle Ungleichheiten.
  • Langfristige Förderprogramme: Mentorships, Co‑Productions und Programmreihen, die über mehrere Jahre laufen, sind aussagekräftiger als einmalige Workshops.
  • Barrierefreiheit: Tatsächliche Zugänglichkeit umfasst mehr als Rollstuhlrampe: Audiodeskription, Untertitel in mehreren Sprachen, taktile Führungen und preisgünstige Karten für Communities sind wichtige Indikatoren.
  • Community‑Einbindung: Dialog mit lokalen und internationalen Communities, Einbindung von Betroffenen in Entscheidungsprozesse und Outreach‑Arbeit zu Festivals ist essenziell.
  • Fragen, die ich den Festivalbetreibern stelle

    Wenn ich hinter die Kulissen schauen will, frage ich nicht nur "Was macht ihr?", sondern konkretisiere:

  • Welche quantifizierbaren Ziele habt ihr für die nächsten drei Jahre?
  • Wie viel Prozent des Budgets ist für Programme zur Förderung unterrepräsentierter Filmschaffender vorgesehen?
  • Wie sehen eure Auswahlkriterien aus und wer sitzt im Auswahlgremium?
  • Gibt es Evaluationsberichte oder externe Reviews eurer Diversity‑Maßnahmen?
  • Wie werden teilnehmende Filmschaffende für Workshops, Jurys oder Gastauftritte entschädigt?
  • Beispiele guter Praktiken (die ich gesehen habe)

    Einige Festivals, international wie lokal, haben Ansätze entwickelt, die ich für wirklich wirkungsvoll halte:

  • Gezielte Residenzen und Produktionsförderungen für Filmemacher*innen aus dem Globalen Süden oder marginalisierten Communities, gekoppelt mit Distribution‑Support.
  • Kuratierte Programmreihen, die von Mitgliedern der jeweiligen Communities selbst kuratiert werden – nicht nur als symbolische Abbildung, sondern mit Entscheidungsmacht.
  • Transparente Auswahlverfahren: Offenlegung der Jury‑ und Kurator*innenliste, sowie eine rationale Begründung der Auswahlkriterien.
  • Barrierefreie und faire Honorierung: Reisestipendien, feste Aufwandsentschädigungen und gezielte Hilfe beim Visumsprozess.
  • Ein praktisches Bewertungs‑Checklist für Festivalbesucher*innen

    Wenn ich mich auf ein Festival vorbereite oder vor Ort Eindrücke sammle, benutze ich folgende Checkliste:

  • Programm: Gibt es eine erkennbare Diversität in Herkunft, Geschlecht, Alter und Formaten?
  • Leitung & Team: Sind Entscheidungen transparent und divers besetzt?
  • Finanzierung: Werden Projekte finanziell unterstützt oder nur mit "Präsenz" honoriert?
  • Barrierefreiheit: Sind Vorstellungen beschriftet, untertitelt und audiobeschrieben?
  • Community‑Workshops: Werden sie regelmäßig und nachhaltig angeboten?
  • Reporting: Veröffentlicht das Festival jährliche Daten oder Evaluationsberichte?
  • Gegen Tokenismus: worauf man achten sollte

    Tokenismus ist eine der heimtückischsten Formen des Greenwashings: Ein Festival lädt eine einzelne Person aus einer marginalisierten Gruppe ein und stellt dies als Beweis für Inklusion dar. Das ist nicht nur unglaubwürdig, es ist auch schädlich, weil es den Anschein erweckt, strukturelle Probleme seien gelöst.

    Ich achte deshalb auf diese konkreten Signale gegen Tokenismus:

  • Mehrere Vertreter*innen aus einer Community in Programmen oder Jurys, nicht nur Einzelne.
  • Kontinuität: dieselben Namen immer wieder zu sehen, ist kein Zeichen von Diversität – Vielfalt bedeutet Breite, nicht Wiederholung.
  • Autonomie: Communities sollen selbst über ihre Repräsentation entscheiden dürfen, statt von außen "repräsentiert" zu werden.
  • Ein kleiner Vergleich: Echtes Engagement vs. Greenwashing

    Merkmal Echtes Engagement Greenwashing
    Budget Konkrete Mittel für Förderprogramme, Honorare, Reisestipendien PR‑Budget für Kommunikationskampagnen ohne strukturelle Finanzierung
    Transparenz Jährliche Reports, messbare Ziele Vage Versprechen, keine Zahlen
    Partizipation Betroffene in Entscheidungsgremien Einmalige Panels mit externen Expert*innen
    Dauer Langfristige Programme über mehrere Jahre Einmalige Aktionen zu PR‑Zwecken

    Was Zuschauer*innen und Filmschaffende tun können

    Transparenz herzustellen gelingt am besten, wenn viele nachfragen. Ich ermutige Zuschauer*innen, Filmschaffende und Journalist*innen, öffentlich konkrete Fragen zu stellen, sich in Netzwerken zu organisieren und Festivals öffentlich an ihre Versprechen zu erinnern. Petitionen, offene Briefe oder die Forderung nach einem jährlichen Diversity‑Report können Druck erzeugen.

    Als Journalistin achte ich darauf, nicht nur anzuklagen, sondern Beispiele zu loben, die Verantwortung übernehmen. Denn Veränderung braucht Sichtbarkeit – sowohl für positive Modelle als auch für problematische Praktiken. Nur so können wir Festivallandschaften formen, die ihrer Aufgabe gerecht werden: Geschichten breit und fair zu erzählen.