Zwischen Bildgewalt und Verständlichkeit: mein Anliegen als Übersetzerin
Wenn ich einen bildstarken Passus aus einer Fremdsprache ins Deutsche übertrage, fühle ich mich oft wie eine Vermittlerin zwischen zwei Landschaften. Auf der einen Seite steht das Original: ein dichter Garten aus Metaphern, Rhythmus und eigenwilliger Wortwahl. Auf der anderen Seite wartet das Lesepublikum, das zwar fasziniert werden soll, aber nicht durch unverständliche Bilder oder eine verkrampfte Syntax abgeschreckt werden darf. Meine zentrale Frage dabei ist immer: Wie bewahre ich die autorische Stimme, ohne den Text in eine ästhetische Insel zu verwandeln, die nur Eingeweihte betreten?
Was ich zuerst lese — und nie vergesse
Bevor ich mit dem eigentlichen Übersetzen beginne, lese ich den ganzen Text mehrmals — laut, leise, rückwärts, quer. So versuche ich den Tonfall zu fassen: ironisch? pathetisch? müde? euphorisch? Die Stimme des Autors ist mehr als Wortwahl; sie liegt im Rhythmus, in der Länge der Sätze, in Pausen und Wiederholungen. Wenn ich diese Elemente verinnerlicht habe, gelingt es mir besser, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur Wörter, sondern auch den Atem des Textes übertragen.
Bildsprache: Treue vs. Lesbarkeit
Dieses Dilemma begleitet mich ständig. Ein Bild kann im Original so eigen und spezifisch sein, dass eine wortgetreue Übersetzung im Deutschen lächerlich oder kryptisch wirkt. Hier meine Faustregeln:
- Priorität der Funktion: Was bewirkt das Bild im Original? Erzeugt es Atmosphäre, Ironie, Charakterisierung? Diese Funktion muss in der Übersetzung erhalten bleiben — die konkrete Bildgestalt darf sich ändern.
- Wortreich vs. prägnant: Manchmal ist ein kurzer, präziser deutscher Ausdruck wirksamer als eine ausgeschmückte, aber unbeholfene Nachbildung.
- Kulturelle Resonanz: Prüfe, ob das Bild kulturellen Kontext braucht. Ein Bild, das in der Zielsprache keine Assoziationen weckt, kann durch ein anderes ersetzt werden, das die gleiche Wirkung erzielt.
Beispiel: ein Bild neu denken
Vor einiger Zeit übersetzte ich einen Satz, in dem eine Protagonistin „wie ein zerbrechlicher Origami-Kranich im Wind“ beschrieben wurde. Im Französischen klang das poetisch, kultiviert und melancholisch. Meine erste wörtliche Variante „ein Origami-Kranich“ wirkte im Deutschen dagegen spielerisch, fast infantil. Ich entschied mich dafür, die Funktion — Zerbrechlichkeit und vergebliche Auflehnung gegen Umstände — zu erhalten und ersetzte das Bild durch „ein Papierflügel, der sich im Sturm löst“. Dadurch blieb die Verletzlichkeit, die poetische Materialmetapher und zugleich eine Schwere, die zur Charakterlage passte.
Formale Markenzeichen der Stimme übertragen
Neben Bildern sind es oft wiederkehrende stilistische Mittel, die eine Stimme ausmachen: Ellipsen, Parenthesen, lange Parataxen oder kurze, punktierte Sätze. Ich übernehme diese Muster bewusst. Wenn eine Autorin im Original gern in Halbsätzen spricht, lasse ich auch im Deutschen Halbsätze stehen — selbst wenn die Syntax dort strenger ist. Das schafft Authentizität.
Wenn Sprache auf Klang setzt
Manche Texte leben von Alliteration, Assonanz oder Lautmalerei. Diese klanglichen Effekte lassen sich nicht immer direkt übertragen. Hier versuche ich, im Deutschen ein Äquivalent zu produzieren: eine neue Alliteration, einen passenden Vokalreigen oder eine rhythmische Wiederholung. Das kann bedeuten, mehr Freiheiten bei der Wortwahl zu nehmen — ein kleiner Kompromiss, der die akustische Wirkung erhält.
Praktische Techniken, die ich nutze
- Notizen direkt im Text: Ich markiere Stellen, die metaphorisch dicht sind, und notiere mögliche Alternativen.
- Mehrere Fassungen: Für zentrale Passagen schreibe ich oft drei Varianten: eine nahe am Original, eine idiomatische und eine experimentelle. Dann entscheide ich, welche am besten wirkt.
- Feedback-Schleifen: Ich lese die Passage laut vor — manchmal auch Kolleg*innen oder Testleser*innen — und beobachte, welche Version emotional ankommt.
- Kontext vor Wort: Ich übersetze nicht isolierte Bilder, sondern immer im Kontext des Kapitels oder Romans. Ein Bild, das in einer Szene funktioniert, kann in einer anderen unpassend wirken.
Wortwahl: Mut zur Variation
Deutsch bietet oft mehrere Möglichkeiten, ein Bild zu formulieren — manche klingen hochliterarisch, andere sind direkt und modern. Ich variiere bewusst, um das Lesen nicht zur Schwerstarbeit zu machen. Gerade bei bildgewaltigen Passagen setze ich auf eine Balance: poetische Ansätze, aber keine unnötigen Sperrigkeiten. Gern nutze ich auch Marken- oder Kulturreferenzen, wenn sie natürlich einfließen und zur Autor*innenstimme passen: Ein bestimmtes Parfum, ein Smartphone-Modell oder eine bekannte Filmszene können als kurze, treffende Referenz funktionieren — vorausgesetzt, sie brechen nicht die Zeit- oder Raumlogik des Werks.
Wie ich mit Idiomen und sprachlichen Eigentümlichkeiten umgehe
Idiome sind Tücken. Ein Bild, das in der Ausgangssprache eine feste Redewendung ist, kann im Deutschen sinnlos wirken. Ich gehe in solchen Fällen so vor:
- Identifizieren, ob es ein idiomatischer Ausdruck ist.
- Falls ja: prüfen, ob es ein deutsches Idiom mit gleicher Funktion gibt.
- Wenn nicht: die Funktion in die Übersetzung übertragen — manchmal sogar durch eine kurze Umschreibung.
Der Leser im Blick: für ein breiteres Publikum zugänglich bleiben
Ein häufiges Missverständnis ist, dass literarische Übersetzungen immer hermetisch sein müssen. Ich glaube nicht daran. Zugänglichkeit ist kein Verrat an der Autor*innenstimme, sondern eine Art öffentlichen Dienst: Literatur will gelesen werden. Deshalb achte ich darauf, unnötige Fußnoten zu vermeiden, bildliche Dichte so zu dosieren, dass Atmosphäre entsteht, aber die Lesefreude nicht verloren geht.
Tools und Hilfsmittel
Ich nutze sowohl analoge als auch digitale Hilfsmittel: ein Notizbuch, um spontane Bildideen festzuhalten; das Wörterbuch von Duden online für Feinheiten; Paralleltext-Sammlungen und Suchmaschinen, um zu sehen, wie andere Übersetzer*innen mit ähnlichen Bildern umgegangen sind. Für rhythmische Arbeit ist die Sprachausgabe-Funktion meines Textverarbeitungsprogramms nützlich — sie zeigt mir, ob ein Satz holpert oder fließt.
Ein persönlicher Tipp: die Übersetzung als kreative Kooperation
Manchmal ist das beste Ergebnis entstanden, wenn ich nicht in Stolz verharrte, sondern die Autorin oder den Autor ansprach (wenn möglich) oder mit Lektor*innen offen diskutierte. Übersetzen ist für mich weniger ein technischer Akt als ein kreativer Dialog: Ich bringe meine Sensibilität für die Zielsprache ein, der Text bringt seine eigene Logik mit. Wenn beide Stimmen sich zulassen, entsteht etwas, das weder Original noch Kopie ist, sondern ein eigenständiges Kunstwerk — zugänglich und doch treu im Geist.