Warum dieses Format? Zwischen Herzblut und Realität

Ich organisiere seit einigen Jahren Klubkonzerte und habe gelernt, dass gute Intention allein nicht reicht. Es gibt eine ständige Gratwanderung zwischen dem Wunsch, lokale Labels sichtbar zu machen, einem queeren, sicheren Raum für Publikum und Künstler*innen zu schaffen und gleichzeitig eine Veranstaltung zu stemmen, die finanziell tragfähig ist. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Fehler und Routinen – konkret, praktisch und direkt umsetzbar.

Das kuratorische Konzept: Labels als Ausgangspunkt

Für mich beginnt eine Serie oder ein Konzert immer bei einer Idee, die ich an ein oder mehrere lokale Labels zurückbinde. Labels haben oft ein klares ästhetisches Profil und ein Netzwerk von Künstler*innen, das ich nutzen kann. Ich frage mich: Welche Überschneidungen gibt es zwischen den Katalogen? Welche Releases verdienen mehr Sichtbarkeit? So entsteht ein roter Faden, der dem Publikum Orientierung gibt.

Ich achte darauf, nicht nur das „beste“ Booking abzuholen, sondern Künstler*innen zu wählen, die eine Geschichte erzählen. Ein lokales Label kann zum Beispiel zwei Acts vorschlagen: eine/nen Headliner*in und eine/n Newcomer*in. Das stärkt die Szene und macht die Zusammenarbeit für beide Seiten attraktiv.

Queeres Publikum denken – Räume gestalten

Ein queeres Publikum will nicht nur musikalischen Mehrwert, sondern auch Sicherheit und sichtbar gelebte Solidarität. Deshalb sind mir folgende Punkte wichtig:

  • Barrierefreie Kommunikation: Ich formuliere Ankündigungen inklusiv (genderneutrale Sprache, Hinweis auf safe-space-Richtlinien).
  • Physische Sicherheit: Gut beleuchtete Eingänge, klar kommunizierte Ansprechpartner*innen vor Ort, ein niedrigschwelliges Meldeverfahren bei Übergriffen.
  • Sanitäre Infrastruktur: Unisex-Toiletten oder zumindest Hinweise auf genderneutrale Sanitärlösungen – das kostet manchmal etwas, ist aber essenziell.
  • Line-up-Diversität: Ich achte darauf, Acts zu buchen, die queere Perspektiven sichtbar machen, sei es durch Künstler*innen selbst oder durch die Themen ihrer Musik.

Finanzen: Klarheit statt Rätselraten

Finanzielle Realität heißt für mich: Budget planen, Risiken reduzieren, Einnahmequellen diversifizieren. Hier ein kleines, praxiserprobtes Beispiel, wie ich ein Mini-Budget aufsetze:

Posten Betrag (Beispiel)
Gage Headliner 500 €
Gage Support 150 €
Technik / PA 200 €
Miete Venue 250 €
Promotion (Flyer, Social Ads) 100 €
Personal (Bar, Tür) 100 €
Unvorhergesehenes 100 €
Gesamt 1.400 €

Auf der Einnahmenseite rechne ich konservativ: Eintritt, Getränkeanteil, Merchandise, Unterstützung durch das Label oder Fördermittel. Ich verkaufe Tickets in drei Preiskategorien (Early Bird, Standard, Last Minute) und setze eine kleine Anzahl Freikarten für Community-Partner*innen an.

Einnahmequellen diversifizieren

Nur auf Ticketverkäufe zu setzen, ist riskant. Meine Mischung sieht so aus:

  • Ticketing: Online über Resident Advisor, Eventbrite oder lokale Anbieter; Vorverkauf schafft Planungssicherheit.
  • Getränke-Split: Wenn möglich, verhandle ich ein Modell mit der Venue, bei dem ein Teil der Getränkeinnahmen an die Veranstalter*innen geht.
  • Merch & Releases: Lokale Labels bringen oft physische Releases mit – ein kleiner Prozentsatz vom Verkauf fließt zurück.
  • Sponsoring & Fördermittel: Lokale Kulturfonds, Stiftungen oder queere Organisationen können Co-Finanzierung leisten. Auch kleine lokale Businesses (Cafés, Plattenläden) sind oft interessiert.
  • Pay-what-you-can / Solidaritäts-Tickets: Für queere Community-Mitglieder biete ich reduzierte oder solidarische Tickets an, die auf andere Einnahmen angerechnet werden.

Zusammenarbeit mit Labels: Win-Win verhandeln

Ich gehe in Gespräche mit Labels gut vorbereitet: Ich habe Zahlen, Medienreichweite und ein Promotionpaket parat. Im Idealfall bringt das Label etwas zur Bühne (Releases, Flyer) und unterstützt in der Kommunikation. Was ich immer anbiete:

  • Transparente Abrechnung
  • Persönliche Promo (Interviews, Social-Posts auf Generation Konji, falls relevant)
  • Giveaways oder Discountcodes für Releases

Wichtig ist, realistische Erwartungen zu setzen. Nicht jedes Label hat hohe Budgets – oft ist es die Sichtbarkeit, die sie gewinnen wollen. Das kann für mich aber wertvoller sein als finanzieller Ausgleich.

Promotion: Authentisch statt aufdringlich

Ich hasse generische Promo. Deshalb setze ich auf Inhalte, die Mehrwert bieten: ein kurzes Interview mit dem Labelgründer, ein Vorab-Stream eines Songs, Playlists, die Acts und ihr Umfeld vorstellen. Auf Social Media kombiniere ich organische Posts mit zielgerichteten Ads – aber sparsam. Für queer-spezifische Reichweite arbeite ich gezielt mit lokalen Community-Organisator*innen und queeren Medien zusammen.

Logistik und Produktion: Kleine Fehler vermeiden

Die Dinge, die mich am meisten Nerven kosten, sind technische Probleme und falsch kommunizierte Zeitpläne. Meine Checkliste:

  • Soundcheckzeiten schriftlich bestätigen
  • Backline-Liste früh kommunizieren
  • Stage-Plot und Laufwege an Künstler*innen schicken
  • Kontaktpersonen für Tür, Bar, Security klar benennen

Ich lege außerdem immer ein kleines Hospitality-Budget an – Wasser, Snacks, ggf. einen Bus- oder Fahrkostenzuschuss. Das zahlt sich in entspannter Stimmung und besseren Performances aus.

Nachhaltigkeit und faire Praktiken

Mir ist wichtig, dass wir nicht nur künstlerisch nachhaltig denken, sondern auch sozial. Faire Gagen, transparente Kommunikation und die Möglichkeit für Nachwuchskünstler*innen, sich zu präsentieren, sind für mich nicht verhandelbar. Wenn die Mittel eng sind, verhandle ich Optionen wie Revenue-Share oder Boni bei ausverkauftem Konzert – aber immer mit klarer schriftlicher Vereinbarung.

Community-Building: Langfristig denken

Ein gutes Konzert ist mehr als ein Abend. Ich sehe jede Veranstaltung als Touchpoint: Ich sammle E-Mail-Adressen (mit Zustimmung), pflege Kontakte zu Labels und Acts und dokumentiere Konzerte redaktionell – sei es als Foto-Reportage, Gespräch oder Playlist auf Generation Konji. So entsteht Vertrauen, und das Publikum wächst organisch.

Ein paar konkrete Tools, die mir helfen

  • Trello oder Notion für die Eventplanung
  • Stripe / PayPal für einfache Merch- und Ticketzahlungen
  • Mailchimp für Newsletter
  • Bandcamp als Plattform für Releases und Merch-Verkäufe

Wenn ich all das zusammenziehe, entsteht ein Format, das Labels stärkt, queeres Publikum einlädt und gleichzeitig finanziell denkbar bleibt. Es ist Arbeit, aber eine, die sich lohnt – vor allem, wenn am Ende des Abends Menschen aus dem Publikum zu mir kommen und sagen: „Endlich ein Abend, bei dem ich mich gesehen fühle.“