Übersetzen ist für mich immer ein Balanceakt zwischen Treue und Erfindung. Besonders heikel wird es, wenn es um bildgewaltige Passagen geht: Metaphern, Klangbilder, sensorische Beschreibungen, die im Französischen auf eine bestimmte Weise wirken – wie übertrage ich diese Wirkung ins Deutsche, ohne die autorische Stimme zu verwässern oder die Lesbarkeit zu opfern?
Was macht eine Passage "bildgewaltig"?
Für mich sind es Sätze, die gleichzeitig Seh-, Hör- und Tastsinn ansprechen; die Bildlichkeit ist oft dicht verschränkt mit Rhythmus, Klang und Satzbau. Französische Texte nutzen dafür häufig eine musikalische Syntax, Ellipsen, Alliterationen oder geschichtete Metaphern. Das Ergebnis fühlt sich manchmal wie ein Bild an, das im Kopf der Leserin entsteht — nicht nur eine Beschreibung, sondern ein atmosphärischer Moment.
Mein erster Schritt: Hören und Lesen
Bevor ich irgendetwas übertrage, lese ich die Passage mehrfach laut. Im Französischen erkenne ich so Musik, Betonungen und die Pausen, die Bedeutung tragen. Ich frage mich: Was ist das zentrale Bild? Welcher Ton ist gemeint — sachlich, ironisch, ekstatisch? Manchmal hilft es, eine Audioaufnahme zu machen (ich nutze oft das Smartphone), um Nuancen zu konservieren, die beim stummen Lesen verloren gehen.
Prioritäten setzen: Stimme vs. Zugänglichkeit
Ich arbeite selten mit einem dogmatischen "Wort-für-Wort"-Ansatz. Stattdessen setze ich Prioritäten:
Oft bedeutet das, dass ich die Metapher anpasse oder eine andere syntaktische Lösung wähle, die die gleiche Wirkung erzielt.
Strategien zur Übertragung von Bildlichkeit
Hier einige Techniken, die ich regelmäßig einsetze:
Praktisches Beispiel
Ein fiktives französisches Original:
| Le soleil se déchirait en lambeaux d'or sur la ville, et les cloches semblaient remuer des litanies oubliées. |
Mögliche Übersetzungsansätze:
Welche Version ich wähle, hängt vom restlichen Ton des Werks ab: Ist die Stimme nüchtern, romantisch, barock? Für einen nüchternen Erzähler wäre die zweite Option passender; für einen lyrischen Erzähler die dritte.
Technische Hilfsmittel und Ressourcen
Ich arbeite mit verschiedenen Werkzeugen, aber keines ersetzt das eigene Urteil:
Der Umgang mit Klang und Rhythmus
Klang ist für bildgewaltige Passagen zentral. Ich achte auf folgende Punkte:
Wann ich eine freiere Lösung bevorzuge
Es gibt Momente, in denen eine freie, beinahe freie Übersetzung die bessere Wahl ist — besonders wenn das ursprüngliche Bild im Deutschen dank kultureller oder sprachlicher Unterschiede seine Wirkung verlieren würde. In solchen Fällen frage ich mich: Was ist die emotionale Funktion der Passage? Wenn ich diese Funktion erhalte, hat die Übersetzung ihren Zweck erfüllt.
Feinschliff und Sensibilität
Zum Schluss feile ich an Rhythmus und Ton, lese wiederholt laut und vergleiche mit anderen Stellen im Text. Ich prüfe, ob die übersetzte Passage in die Stimme der gesamten Übersetzung passt. Manchmal muss ich bereit sein, Kompromisse einzugehen: ein dichteres Bild gegen eine klarere Aussage, eine Glossierung gegen ein prägnanteres Bild.
Übersetzen ist nie endgültig; es ist ein Dialog mit dem Text. Ein gutes Übersetzungsenergebnis fühlt sich für die Leserin nicht wie eine Übersetzung an, sondern wie ein Original, das in derselben Stimmung atmet wie das französische Vorbild.