Wenn ich ein Klubkonzert kuratiere, das lokale Labels, ein queeres Publikum und vor allem bezahlte Gagen vereinen soll, denke ich zuerst an das Verhältnis von Kulturarbeit und Fairness. Für mich heißt kuratieren nicht nur Acts auf eine Bühne stellen, sondern Rahmen schaffen: ökonomisch tragfähig, künstlerisch relevant und sicher für alle Beteiligten. In diesem Text teile ich meine konkreten Schritte, Fehler, die ich gemacht habe, und Wege, wie man solche Veranstaltungen nachhaltig gestalten kann.

Worum geht’s eigentlich?

Mein Ziel ist simpel: lokale Labels sichtbar machen, Künstler*innen fair entlohnen und ein queeres, diverses Publikum ansprechen. Klingt idealistisch? Ja — und praktikabel. Der Schlüssel liegt in klaren Prioritäten, transparenten Absprachen und einem Budget, das die Realität widerspiegelt. Ohne diese Grundlagen wird aus einem schönen Anspruch schnell ein frustrierendes, finanzielles Desaster.

Vorbereitung: Netzwerk, Ort und Zielgruppe

Ich beginne immer mit einer Bestandsaufnahme: Welche Labels in der Stadt arbeiten aktiv? Wer produziert in welchen Genres? Hier helfen Gespräche auf Konzerten, DMs auf Instagram oder Plattformen wie Bandcamp und lokale Radiosendungen. Häufig entstehen die besten Line-ups aus persönlichen Empfehlungen.

  • Ort: Ich bevorzuge kleinere Clubs mit 150–300 Kapazität — groß genug für Einnahmen, klein genug für Intimität und Community.
  • Atmosphäre: Ist der Klub queerfreundlich? Gibt es eine klare Haltung gegen Diskriminierung? Ohne das kann ich das Publikum nicht authentisch ansprechen.
  • Zielgruppe: Nicht jede Lieblings-Community ist automatisch dabei. Ich frage Labels und Künstler*innen, welches Publikum sie erwarten und wie wir gemeinsam kommunizieren können.

Budgetplanung: So rechnen sich bezahlte Gagen

Transparenz beim Geld ist zentral. Ich schreibe eine einfache Tabelle (ja, Excel oder Google Sheets reicht), in der ich folgende Posten gegenüberstelle:

Einnahmen Ticketverkauf, Getränke (Falls Einnahme teilbar), Fördermittel, Sponsoring
Ausgaben Gagen, Technik, PA/FOH, Personal, Promotion, Versicherung, GEMA (falls nötig), Catering, Fahrkosten

Ein praktischer Tipp: Ich plane die Gagen als erste Ausgaben. Wenn am Ende des Budgets nichts mehr übrig ist, weiß ich, dass das Konzept nicht tragfähig ist. Für lokale Acts reichen oft 100–300 € als Mindestgage; Headliner brauchen entsprechend mehr. Wenn das Budget eng ist, suche ich nach Fördermitteln (z. B. kommunale Kulturfonds) oder Co-Produktionen mit Labels.

Labels einbeziehen: Partnerschaften statt bloßer PR

Die Zusammenarbeit mit Labels kann unterschiedlich aussehen — von reiner Vermittlung der Acts bis zu echten Co-Produktionen. Ich frage Labels oft: Was ist euer Ziel? Sichtbarkeit für neue Releases, Test einer Live-Band, Sammlung von Releases? Daraus ergeben sich klare Rollen:

  • Labels übernehmen Promotion in ihrem Netzwerk und erhalten dafür kommunikative Präsenz.
  • Labels bringen Merch oder Releases mit, was zusätzliche Einnahmen generieren kann.
  • Manche Labels teilen sich die Gage für ein Headliner-Duo — das entlastet mein Budget.

Ich mache immer schriftliche Absprachen: Wer übernimmt welche Kosten? Wie wird Promotion verteilt? So vermeidet man Missverständnisse.

Inklusion und Sicherheit für ein queeres Publikum

Queerfreundlichkeit ist mehr als ein Hashtag. Ich frage den Club nach barrierefreien Toiletten, sensibler Türpolitik und Safe-Space-Regeln. Vor der Veranstaltung kommuniziere ich klares Verhalten auf Social Media und auf der Eintrittskarte (z. B. keine Toleranz für Hass, sexuelle Belästigung, Rassismus).

  • Trainiere Türpersonal oder arbeite mit einem Team, das sensibilisiert ist.
  • Stelle sichtbare Ansprechpartner*innen vor Ort (z. B. via Badge oder Tisch), die bei Problemen helfen.
  • Biete ruhige Rückzugsorte an — ein kleiner Nebenraum kann Wunder wirken.

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, lokale queere Initiativen oder Beratungsstellen einzubinden — manchmal als Info-Stand, manchmal als Vermittler für Sensibilisierung. Das stärkt die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen des Publikums.

Vertragswesen und klare Payment-Prozesse

Ein einfacher Vertrag schützt alle Beteiligten. Darin sollten stehen: Gagenhöhe, Zahlungsmodalitäten (Anzahlung, Restzahlung), Anreise- und Aufenthaltskosten, Spielzeit, Soundcheck-Zeiten, technische Anforderungen und Rider. Ich verschicke Verträge per E-Mail und nutze signierte PDFs — das reicht oft.

Für Zahlungen habe ich Routinen: 30–50 % Anzahlung bei Bestätigung, Restbetrag spätestens am Veranstaltungstag bar oder per Überweisung/Paypal/Stripe nach dem Set. Für internationale Acts empfehle ich SEPA oder TransferWise (Wise) wegen günstiger Gebühren.

Promotion: Authentisch und zielgerichtet

Ich bevorzuge eine Mischung aus digitalen und analogem Marketing. Digitale Tools wie Instagram, Facebook-Events, Newsletter und die Websites der Labels sind wichtig. Gleichzeitig verteile ich Plakate an Orten, die das queere Publikum frequentiert: Cafés, Plattenläden, Hochschulen.

  • Erzähle die Geschichte hinter dem Line-up: Warum diese Labels? Warum diese Acts?
  • Nutz Promo-Stories und kurze Artist-Clips — Authentizität schlägt Hochglanz.
  • Kontaktiere lokale Medien, Blogs und Radios (z. B. freie Kultursendungen), die oft kostenlos berichten.

Technik, Ablauf und Hospitality

Eine solide technische Planung verhindert Stress. Ich kläre frühestens die Bühnenzeiten, Soundcheck-Dauer und die Backline-Notwendigkeiten. Für kleinere Clubs hat sich ein einfacher FOH-Plan bewährt: zwei Monitore, ein sauberer Soundcheck-Plan, und eine Person, die den Ablauf überwacht.

Hospitality ist kein Luxus: Wasser, Snacks und ein ruhiger Backstage-Bereich sind wichtig. Kleinere Gesten — ein vegetarisches Gericht, Ladeplätze für Phones, eine Liste mit nahegelegenen Hotels oder Hostels — bewirken viel und sind Teil professioneller Arbeit.

Finanzierungsmodelle jenseits der Tür

Ticketverkauf reicht oft nicht. Ich nutze zusätzliche Einnahmequellen:

  • Merch-Split mit Labels und Acts (z. B. 70/30 zugunsten der Künstler*innen).
  • Förderanträge bei lokalen Kulturfonds oder Stiftungen.
  • Klein-Sponsorings: Kulturfreundliche Läden, Getränke-Sponsoren oder Technikverleihe im Tausch gegen Sichtbarkeit.
  • Pay-what-you-can-Optionen bei begrenztem Budget — aber nur, wenn die Gagen anderweitig gesichert sind.

Wichtig: Versprich nichts, was du nicht halten kannst. Nichts zerstört Vertrauen schneller als unbezahlte Gagen oder verschwiegene Gebühren.

Nach dem Konzert: Dokumentation und Beziehungspflege

Ich dokumentiere Shows mit Fotos und kurzen Clips (mit Einverständnis der Künstler*innen). Diese Materialien nutze ich für Nachberichterstattung, Social Media und als Referenz für Förderanträge. Danach schreibe ich allen Beteiligten ein Dankesmail, inkl. Abrechnung, Fotomaterial und Umfrage zur Verbesserung.

Beziehungen sind die langfristigste Währung. Wenn Labels und Künstler*innen mit mir gute Erfahrungen gemacht haben, sind sie eher bereit, wieder mit mir zu arbeiten — unter fairen Bedingungen. Genau darum geht es: nachhaltige Kulturarbeit, die lokale Szene stärkt und Queer-freundlichkeit nicht nur behauptet, sondern lebt.