Als Kulturjournalistin und Veranstalterin habe ich in den letzten Jahren immer wieder versucht, Clubabende zu konzipieren, die mehr sind als nur ein guter Line‑up: Sie sollen ökologisch verantwortbar sein, lokalen Labels gerechte Einnahmen sichern und ein queeres, diverses Publikum anziehen. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Fehler und bewährten Methoden — konkret, praktisch und direkt umsetzbar für Programmierende, Clubs und Initiativen.
Was heißt “nachhaltig” in einem Clubkontext?
Für mich umfasst Nachhaltigkeit drei Ebenen: ökologische Verantwortung (Ressourcenverbrauch, Abfall, Mobilität), ökonomische Fairness (gerechte Bezahlung für Labels, Künstler*innen, Techniker*innen) und soziale Nachhaltigkeit (sichere, inklusive Räume für marginalisierte Gruppen). Nur wenn alle drei Ebenen bedacht werden, funktioniert ein langlebiges Programm.
Budgetstruktur und transparente Finanzflüsse
Die Basis ist ein einfaches, transparentes Budget, das ich offen mit Kooperationspartner*innen und manchmal auch mit dem Publikum teile. Wichtige Posten sind:
- Gage für Künstler*innen (inkl. Fahrtkosten und Unterkunft)
- Royalty/Revenue‑Share an lokale Labels
- Technik, Licht, Ton
- Personal: Tür, Bar, Security (faire Löhne)
- Nachhaltigkeitsmaßnahmen (z. B. Kompensation, Mehrweggeschirr)
Ich empfehle, mindestens 10–20 % der Ticketerlöse direkt an beteiligte lokale Labels weiterzuleiten oder ihnen feste Honorare zu zahlen. Das lässt sich vertraglich als “Labelfee” festhalten und schafft Verlässlichkeit.
Modelle zur Bezahlung lokaler Labels
Es gibt verschiedene praktikable Modelle:
- Flat Fee: Fixbetrag an jedes involvierte Label unabhängig von Ticketverkäufen. Gut für Planungssicherheit.
- Revenue Share: Prozentsatz der Ticketeinnahmen geht an Labels — fair bei guten Besucherzahlen, aber schwankend.
- Merch‑Split: Labels bekommen einen Anteil der Merch- oder Vinyl‑Verkäufe am Abend.
Ich kombiniere oft Flat Fee + Merch‑Split: So ist die Künstlerin abgesichert, und Labels profitieren zusätzlich bei erfolgreichem Abend.
Bookingstrategie: lokale Labels sichtbar machen
Mein Ansatz ist kuratiert statt bloß lokal. Ich lade Labels ein, eine Sub‑Curator‑Rolle zu übernehmen: Eine Person des Labels stellt Acts vor, betreut den Abend vor Ort und hostet einen kleinen Showcase. Das stärkt das Label als Marke und schafft Nähe zum Publikum.
Queer‑freundliches Publikum anziehen — konkrete Maßnahmen
Ein queer‑freundliches Ambiente entsteht nicht automatisch. Es braucht klare Regeln, sichtbare Signale und Handlungskultur:
- Safe Space Policy: Kurz, prägnant am Eingang, online und im Line‑up kommuniziert. Klare Konsequenzen bei Diskriminierung.
- Genderneutrale Toiletten: Wenn baulich nicht möglich, wenigstens zeitweise Beschilderungen und Begleitung.
- Diversity im Booking: Sorge dafür, dass Acts, Hosts und Mitarbeiter*innen divers sind — sichtbar und nicht nur im Hintergrund.
- Kooperationen: Arbeite mit lokalen queeren Organisationen, Drag‑Communities oder LGBTQIA+ Clubs zusammen — gemeinsame Kommunikation zieht Publikum an.
- Bartraining: Klare Richtlinien für respektvollen Umgang; Schulungen zu Pronomen und deeskalierender Kommunikation (z. B. durch Trainings von lokalen NGOs).
Marketing: Authentisch und zielgerichtet
Für mich ist Authentizität entscheidend. Ich vermeide generische Flyer‑Schaltungen und setze auf:
- Gezielte Social‑Media‑Partnerschaften mit lokalen Labels und queeren Influencer*innen
- Newsletter‑Features auf Label‑Seiten und in Community‑Mailings
- Eventseiten auf Resident Advisor, Facebook Events, und lokale Kalender (z. B. Stadtkultur‑Portale)
- Visuelle Kommunikation, die Vielfalt zeigt: Fotos mit unterschiedlichen Körpern, Pronomen in Bios, klare Hinweise zur Barrierefreiheit
Ökologische Maßnahmen, die wirklich wirken
Viele denken gleich an CO₂‑Kompensation — das ist sinnvoll, reicht aber nicht. Ich setze auf Reduktion vor Kompensation:
- Mehrwegpfandbecher (oder Mitglieder‑Becher), Kooperation mit Pfandsystemen
- Ökostrom für den Club (Anbieter wie LichtBlick oder lokale Anbieter) — oft mit kleinem Aufpreis
- Vegane/vegetarische Optionen am Catering — reduziert Emissionen und ist inklusiver
- Fahrgemeinschaften und vergünstigte ÖPNV‑Tickets für Acts; bei Anreise mit Zug ein Bonus für Künstler*innen
- Verzicht auf Einwegbanner, plastikfreie Deko, Wiederverwendung von Technik
Technik, Logistik und Gästemanagement
Technik spart man nicht: gute Akustik und Licht machen oft den Abend. Gleichzeitig lässt sich Energie sparen durch effiziente LED‑Beleuchtung und intelligentes Sound‑Management (z. B. Richtlautsprecher statt Vollaufdrehen). Für Gästemanagement nutze ich Tools wie Eventbrite oder Resident Advisor für Ticketing; für Zahlungen vor Ort empfehle ich SumUp oder iZettle, um Bargeldverkehr zu minimieren und Abrechnungen zu vereinfachen.
Preisstrategie und Zugänglichkeit
Ticketpreise sollten fair und inklusiv sein. Modelle, die ich erprobt habe:
| Modell | Vorteil | Nachteile |
|---|---|---|
| Einheitspreis | Einfach, planbar | Weniger zugänglich für geringeres Einkommen |
| Pay‑What‑You‑Can | Sehr inklusiv | Unsichere Einnahmen |
| Sliding Scale (ermäßigt/Standard) | Balanziert: Planbar + zugänglich | Bedarf klarer Kommunikation |
Ich favorisiere Sliding Scale: ein paar vergünstigte Plätze pro Abend (vorab buchbar) plus Standardpreis. So bleiben Labels und Künstler*innen bezahlt, und das Programm bleibt offen für unterschiedliche Budgets.
Partnerschaften und Fördermöglichkeiten
Öffentliche Fördermittel (Kulturförderungen, Fonds für Diversität) sind hilfreich, ergänzend suche ich Sponsoren, die zu unseren Werten passen — z. B. lokale Bio‑Caterer, nachhaltige Getränkemarken oder soziale Genossenschaften. Wichtig: Keine Partnerschaften eingehen, die die Unabhängigkeit des Programms gefährden.
Evaluation und Community‑Einbindung
Nach jedem Abend sammele ich Feedback — digital per Mail oder analog per Feedbackbox. Fragen, die ich stelle: Fühlten sich Besucher*innen sicher? Waren die Toiletten zugänglich? Hat das Line‑up Diversität gespiegelt? Aus diesen Antworten ergeben sich viele kleine Verbesserungen.
Ich lade Labels ein, Rechnungen und Verkaufszahlen offen zu legen, sodass wir gemeinsam Optimierungen finden: Mehr Promotion, veränderte Running Order oder Merch‑Strategien. Langfristig entstehen so Netzwerke, die ökonomische Stabilität und künstlerische Vielfalt sichern.