Wenn ich ein kleines Festivalprogramm kuratiere, habe ich immer drei Dinge im Kopf: lokale Labels stärken, ein queeres Publikum sichtbar einladen und dafür sorgen, dass alle Künstler*innen fair bezahlt werden. Diese Ziele klingen harmonisch, aber in der Praxis müssen sie sorgsam ausbalanciert werden. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Strategien und konkrete Tools, mit denen ich ein solches Programm realisiere — von der ersten Einladung bis zur Abrechnung nach dem letzten Song.
Warum diese drei Prioritäten zusammengehören
Lokale Labels bringen oft die spannendsten, risikofreudigsten Künstler*innen hervor. Sie kennen die Szene, fördern Nischenprojekte und sind wichtige Netzwerk-Knoten. Ein queeres Publikum bringt nicht nur Diversität ins Line-up, sondern stellt auch sicher, dass die Programmauswahl gesellschaftlich relevante Perspektiven abbildet. Faire Gagen sind kein Nice-to-have: sie sind die Grundlage nachhaltiger Kulturarbeit. Wenn Künstler*innen nicht von ihren Auftritten leben können, kollabiert das System, auf das wir bauen.
Programmplanung: Wen lade ich ein — und wie?
Ich beginne mit einer Liste lokaler Labels und Kollektive, die musikalisch und politisch zu meiner Intention passen. Statt nur nach Klickzahlen zu gehen, achte ich auf:
Mein Pitch an ein Label ist immer persönlich: ein kurzes Telefonat oder eine E-Mail, die zeigt, dass ich ihre ästhetische Handschrift kenne. Ich schreibe konkret, welche Slots verfügbar sind, welche Technik vorhanden ist und wie die Gage transparent aufgeteilt wird. Bei der Ansprache vermeide ich Marketingfloskeln; stattdessen lege ich dar, welche Community ich erreichen will und welche Gegenleistungen möglich sind (z. B. professionelle Fotos, Videodokumentation, Pressebetreuung).
Inklusive Programmarchitektur
Ich strebe eine Abfolge an, die musikalisch Sinn ergibt und gleichzeitig Raum für Begegnung lässt. Beispiele:
Parallel zur musikalischen Abfolge plane ich Side-Events: kleine Podien mit Label-Owner*innen, DJ-Sets von queeren Locals, oder eine Listening-Session mit Schallplatten lokaler Presswerke. Diese Formate binden das Publikum tiefer ein und bieten zusätzliche Einnahmequellen (Spenden, Merch-Verkauf, Pay-what-you-want für Talks).
Faire Gagen: wie ich sie kalkuliere und durchsetze
Faire Gagen sind schwieriger umzusetzen als sie zu verkünden. Ich arbeite mit einem festen Prinzip: Transparenz zuerst. Das bedeutet für mich:
Oft hilft es, eine Mindestgage als Leitplanke festzulegen (z. B. 150–250 € für lokale Solo-Acts, mehr für Bands oder Acts mit Technikbedarf). Bei internationalen Gästen verhandle ich pauschal inkl. Anreise. Wenn das Budget nicht reicht, kommuniziere ich offen: lieber weniger, aber sicher fair, als viele unterbezahlte Slots.
Finanzierungs-Mix und Budget-Tools
Ich kombiniere verschiedene Finanzierungsquellen:
Ein kleines Beispiel-Budget, das ich tatsächlich nutze, nutze ich oft als Orientierung:
| Kategorie | Betrag (€) |
|---|---|
| Miete / Raum | 400 |
| Technik / Tontechnik | 300 |
| Künstlergagen | 700 |
| Promotion | 150 |
| Bar & Sonstiges | 200 |
| Reserve | 100 |
Dieses einfache Modell hilft mir, prioritätenorientiert zu verhandeln. Wenn ein Label sagen würde "Wir spielen nur, wenn jede*r 300 € bekommt", weiß ich, wo ich reduzieren oder zusätzliche Mittel suchen muss.
Vertrag, Rider und Transparenz
Ich arbeite mit einem einfachen, aber klaren Vertrag, der folgende Elemente enthält:
Die Safe-Space-Regel finde ich essenziell: sie schafft klar definierte Erwartungen für Publikum und Team. Bei Verstößen gibt es ein festgelegtes Vorgehen. Das gibt Künstler*innen, insbesondere marginalisierten Acts, Sicherheit.
Barrierefreiheit und queere Zugänglichkeit
Inklusion ist mehr als ein Rampenlicht: ich überprüfe Zugänge, Toilettenlösungen (inkl. Gender-neutraler Toiletten), Lichtpegel für sensory-friendly Optionen und kommuniziere klare Hinweise zur Anreise (z. B. Barrierefreiheit, ÖPNV-Verbindungen). Für queeres Publikum achte ich darauf, Pride-safe Sprache in der Kommunikation zu nutzen und Kontaktpersonen vor Ort zu nennen, die bei Problemen helfen können.
Promotion: Authentisch statt laut
Statt großem Werbebudget setze ich auf gezielte, authentische Ansprache:
Wichtig: Ich vermeide queerbaiting. Wenn ein Act als "queer" angepriesen wird, kläre ich vorher, ob die Künstler*innen diese Identität so kommunizieren möchten.
Tag X: Organisation und Atmosphäre
Am Veranstaltungstag achte ich auf kleine Details, die viel verändern: pünktliche Kommunikation mit Künstler*innen, eine entspannte Backstage-Atmosphäre, klares Personalbriefing (Safer-Space-Beauftragte, Bühnenmanagement) und eine verlässliche Technik-Checkliste. Ich liebe es, wenn Lokale Labels kleine Info- oder Merch-Tische aufbauen — das schafft Markt-Charakter und direkte Einnahmen für die Acts.
Nachbereitung: Abrechnung und Feedback
Nach dem Festival wird transparent abgerechnet. Ich versehe alle Einnahmen und Ausgaben mit Belegen und sende den Künstler*innen eine nachvollziehbare Abrechnung. Außerdem sammele ich Feedback: Was hat funktioniert? Wo gab es Barrieren? Diese Reflexion ist Gold wert für die nächste Ausgabe.
Es gibt keine perfekte Blaupause, aber mit klaren Prioritäten, offenem Dialog mit Labels und Künstler*innen sowie einer unaufgeregten, aber kompromisslosen Haltung gegenüber fairen Arbeitsbedingungen lässt sich ein kleines Festival kuratieren, das lokal verwurzelt, queerfreundlich und sozial nachhaltig ist.